Preußisches Bleisatz-Magazin
Vom Kommenden

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Ich bringe jetzt einmal ein bißchen Ordnung in mein zuletzt leider etwas chaotisches Denken, Schreiben und Handeln. Denn mein Leben geht ja weiter, ob nun mit oder ohne Krebs in der Leber. Wie lange, wissen die Geier (höhö, schönes Bild), aber soviel ist sicher: Solange ich lebe, bin ich nicht von den alltäglichen Pflichten und Bedürfnissen, Zwangsläufigkeiten und Wünschen befreit bzw. abgeschnitten, die so ein Leben halt mich sich bringen.

Ich meine den Freiraum des Schreibens über meine Krebserkrankung zu brauchen. Und ich weiß, daß es einigen der Leute, die mich kennen, (gewaltig) gegen den Strich geht. Warum, verstehe ich nicht. Aber ich weiß definitiv, daß es so ist, weil sie es sehr direkt geäußert haben. Laßt mich Euch sagen: Es interessiert mich nicht. Wenn Ihr Nachteile für Euch befürchtet durch Eure Bekanntschaft mit mir, dann macht das doch ganz einfach: Distanziert Euch und brecht den privaten Kontakt zu mir ab. Fertig. Da müssen wir gar kein großes Theater daraus machen.

Um nun aber auch selbst diesem Freiraum, den ich mir in meinem Umgang mit dem Krebs zugestehe,  nicht zu erlauben, sämtliche meiner Gedanken und Gefühle zu überwuchern (höhö, noch so’n Ding), habe ich eine neue Kategorie in meinem Preussen-Blog geschaffen: Vom Kommenden.

Ich wußte auch sofort, welches Photo ich dafür verwenden will bzw. welches Motiv. Und bin heute morgen zum Südfriedhof in Düsseldorf gefahren, wo das Grab meines Vaters liegt, um dort bei ihm, meinem Vater, zu frühstücken. Von dort aus sieht man den abgebildeten Baum. Er steht auf einer Wiese inmitten kleiner Gänse- und Butterblumen und ich fand schon immer: Er wirkt wie das Leben selbst. Er beherbergt Vogelnester und im Herbst laufen Eichhörnchen auf ihm herum. Das ist genau der richtige Platz für mich, wenn es soweit ist. Wir haben das in der Familie besprochen, es gab keine Einwände.

Das Bild paßt zum Namen der Kategorie: Vom Kommenden. Das Bild zeigt meine positive Grundhaltung, der Kategorie-Name zeigt, daß ich meiner persönlichen Zukunft neutral abwartend gegenüberstehe. Was kommt, das kommt. Vielleicht sterbe ich innerhalb der nächsten Monate, vielleicht auch erst sehr viel später. Und damit geht es mir exakt wie Ihnen, lieber Leser — nein, ich möchte Ihnen wirklich keine Angst machen. Aber wir alle werden sterben. Und niemand von uns weiß wann und wie. Das gilt auch für mich. Jetzt nicht lachen oder aufstöhnen, ja? Ich möchte gern sterben wie ein Mann. Gefaßt, ruhig und vor allem erst dann, wenn der Kampf auch wirklich vorüber ist. Nur das wünsche ich mir aus tiefem Herzen. Joh, nur nicht sentimental werden jetzt, ja? Der Kampf hat ja noch nicht einmal so richtig begonnen.

Um mich nun mit meiner Schreiberei austoben zu können, habe ich nun halt diese neue Kategorie. Vielleicht lesen Sie ja viel lieber Positives von mir? Das finden Sie dann in meinen anderen Kategorien. Und wenn Sie das Lesen von einer Krankheit und von meinem Umgang damit zu sehr bedrückt, können Sie jetzt am Bild mit dem Baum sofort erkennen: Nicht klicken — beunruhigender Inhalt. Ich versichere, daß ich Ihnen das nicht übel nehmen werde.

Es gibt noch einen Grund, warum ich weiterschreibe. Ein Grund, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Meinen Artikel über die MNR-Klinik in Düsseldorf, den ich am 15. Mai 2010 veröffentlicht habe, wurde mittlerweile aktuell 1.322mal aufgerufen. Das hat mich ziemlich überwältigt. Parallel gingen etwa zwei Dutzend Emails von Betroffenen oder Angehörigen von Betroffenen bei mir ein, die mir einerseits Mut zusprachen, andererseits aber auch berichteten, daß ihnen das Lesen meiner Beiträge zu diesem Thema hilft, mit ihrem eigenen Leid umzugehen. Ich sehe deshalb auch eine Verpflichtung für mich, weiterzuschreiben. Ich möchte diese Leute nicht hängenlassen, indem ich hier erst das Maul weit aufreiße und mich dann verdrücke, wenn es ernst wird. Also: Solange ich kann, werde ich weiterschreiben. Klartext. Positives und Negatives.

Übrigens wird es in dieser Kategorie garantiert nicht nur Negatives zu finden geben. Ich schreibe z.B. gerade an einem Beitrag, in dem ich die These aufarbeite, daß einem ja an dieser Schwelle, an der ich nun stehe, auch Optionen offenstehen, zu tun, was man immer schon einmal wollte. Darüber habe ich nachgedacht und bin zu (für mich) überraschendem Ergebnis gekommen. Aber darüber morgen. Oder so. 😉

  1. Kommentar by G. Voost — 29. Mai 2010 @ 20:25

    Ich kann nur Dinge zu dem Thema beitragen, die mir unpassend vorkommen und keinesfalls will ich über die Vergänglichkeit und den Tod den Ton anschlagen, den Sie und ich manchmal im Disput haben.
    Einzig will ich Ihnen schreiben: Nein, nicht gegen den Strich und keine Distanzierung.
    Vorm Feuer (und bei Ihrem furchtbaren Kraut!) wird es mir leichter fallen, zu reden und zu hören.
    G.Voost

  2. Kommentar by MZS — 30. Mai 2010 @ 21:56

    Zitat G.Kr.: „Ich meine den Freiraum des Schreibens über meine Krebserkrankung zu brauchen. Und ich weiß, daß es einigen der Leute, die mich kennen, (gewaltig) gegen den Strich geht. Warum, verstehe ich nicht.“

    Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, sind noch immer neu für uns. Diesen Blog zu lesen, mag manchen überfordern. Die Fragen über Leben und Tod werden hier aufgeworfen, aber nicht beantwortet, weil es keine passenden Antworten gibt. Wir lesen von Befunden und Stimmungen, von existentieller Angst und den Versuchen, Mut zu machen. Das Private wird im Internet öffentlich, und es steht auf einer Website mit einer Adresse neben andern Blogs, Shops, Foren, Medien aller Art. Es ist privat, aber es ist auch anklickbare und wiederverschließbare Bildschirmoberfläche, es ist in einer Sekunde da, in der anderen wieder weg. Es greift ein ins Leben des Lesers, aber es ist nicht greifbar. Wenn man „kommentiert“ (statt zu „antworten“), dann ist die Form dem Inhalt nicht anzupassen. Man kann kein Briefpapier vornehmen und an einem ruhigen Platz mit der eigenen Handschrift beschreiben – den Kommentar schreibt man am Bildschirm, wo als nächstes eine geschäftliche E-Mail getippt wird. Auf so komplexe Anforderungen des Virtuellen reagiert manch einer mit Abwehr. Vielleicht ist es so ein wenig verständlich?

    Abschließende Antworten auf die Existenzfragen kann es nicht geben, die Philosophie ist eine große Schule, in der man nicht auslernt. Und diese Schule ist dann doch zu groß und zu gedankenreich für das Medium Internet, das die Bücher nicht ersetzen kann. (Kürzlich erschienen: Julian Barnes Buch über den Tod: „Nichts, was man fürchten müßte“. Über 300 teilsweise amüsante, teilweise düstere Seiten Nachdenken über Tod in der Wissenschaft, der Kunst und der Familie. Und über die Todesangst, der wir doch recht unterschiedlich ausgeliefert sind, wie man dort lesen kann.)

    Ich lese dieses Blog immer wieder, also immer wieder dieselben Einträge, auch die Kommentare. Mir ist diese Darstellung auch ein wenig unheimlich. Diese Zeugenschaft eines Existenzkampfes steckt man nicht einfach weg, wenn man den Autor kennt und schätzt. Ich frage mich auch, ob ich es richtig finde, das Private öffentlich zu machen. Ich würde es wohl nicht tun, aber ich bin nicht dagegen, es hier zu lesen. Ich möchte wissen, wie es meinem Kollegen geht. Und wenn er sich für diesen Weg der Mitteilung entschieden hat, wenn er hieraus sogar Nutzen zieht, dann ist es sein richtiger Weg, auch wenn ich es schwierig finde.

    Mir ist aber auch wichtig, daß wir hin und wieder nicht-öffentlich ein paar Worte wechseln. Und das geht zum Glück auch sehr gut.

    Übrigens, um mal von dem Düsteren abzukommen: Mir fehlen Unterlegstege für Klischees in 3 Konkordanz (12 Cicero) Länge. Wenn Sie etwas für mich haben, tippen Sie mir ne Mail?

    PS: Genitiv von Es wäre Es mit Apostroph ohne was dazu.

  3. Kommentar by Preuße — 31. Mai 2010 @ 07:51

    Mein Motiv, diese Rubrik hier mit Inhalt zu füllen, liegt in meiner persönlichen (Über-)Lebensstrategie begründet:

    — Letztendlich ist jeder heute mehr oder weniger eine öffentliche Person. Wer es nicht glaubt, möge einmal seinen Namen googeln. Ich war in meinem früheren Lebensabschnitt zehn Jahre lang Geschäftsführer eines Dienstleistungsunternehmens, das das Weltnetz zur Vermarktung nutzte. Bis vor sechs Jahren fanden sich massen von Kommentaren über mein Unternehmen und mich im Netz — nicht nur positive. Man hat keine Chance, falsche Aussagen richtig zu stellen, ohne daß man damit die Trefferquote bei Google erhöht. Ich will damit sagen: Geredet wird über Sie sowieso. Deshalb halte ich es für klüger, selbst zu agieren und die Sichtweise zu veröffentlichen, die ich für die richtige halte.

    — Ich wirke nach außen extrovertiert, kommunikationsfreudig, „Typ Rheinländer“, also auch großmäulig und oft oberflächlich. Stört mich das? Nein. Das ist das Bild, das ich vermittel. Ich kann diese Rolle ohne Probleme nach außen aufrechterhalten, auch im ersten persönlichen Kontakt. Ja, manche lernen mich nie anders kennen. Auf diese Weise kann ich abwarten, bis ich mir ein Bild von meinem Gegenüber gemacht habe und kann dann entscheiden, ob und wieweit ich mich öffne und dem anderen Einsicht in mein wahres Ich gebe. Diese Strategie habe ich mir — nicht bewußt — in den letzten Jahrzehnten zugelegt und fahre zufriedenstellend damit.

    — Ich lebe alleine. Und ich bin kein sehr geselliger Mensch, sprich: Weder frequentiere ich Vereine, noch andere gesellschaftliche Treffpunkte. Das Weltnetz ist für jemand wie mich relativ ideal für meine zwischenmenschliche Kommunikation, weil ich hier immer wieder auf’s neue Nähe zulassen oder Distanz wahren kann. Ein Nachteil des Alleinelebens: Bei einem Schicksalschlag wird man nicht automatisch von der Familie aufgefangen. Man muß sich dann schon aktiv bemühen, um Beistand zu finden. Und mir wurde das Alleinsein in genau diesem Fall hier zur Tortur. Weil ich zuviel denke. Also suchte ich zwischenmenschliche Nähe. Und finde sie hier, im Netz.

    — Schwere Erkrankungen, gar das Thema Tod, werden in unserer Gesellschaft tabuisiert. Das Thema ist vielen peinlich, sie wollen vom Leid anderer nichts hören und sehen. Verständlich, denn jeder hat ja auch sein eigenes Päckchen zu tragen. Indirekt konfrontiert mit der Information über meine Erkrankung (durch das Lesen hier), reagieren sie verschreckt und ein klein wenig aggressiv. Das verstehe ich. Sie wollen nicht (emotional) in so etwas hineingezogen werden.

    — Ich verspreche mir keine konkrete Hilfe durch mein Öffentlichmachen meiner Erkrankung. Wie sollte das auch gehen? Ich bekomme mentale Unterstützung, dafür bin ich dankbar. Und ich berichte wahrheitsgemäß. Was durch die Wartezeiten zwischen Untersuchungen und Diagnosen viel von meiner Ungewißheit zeigt. Aber ich versuche, die Leser nicht unnötig zu belasten. Den direkten Beistand bekomme ich von meiner Familie und von Leuten, die von sich aus den Kontakt zu mir suchen, indem sie mir schreiben oder mich zwischendurch einmal anrufen. Meine Tochter ruft hier jeden Tag an — so, wie sie es schon seit über einem Jahr macht. Wenn es etwas neues gibt, informiere ich sie auch sachlich darüber. Das will sie so. Aber zumeist „klönen“ wir nur miteinander. Sie erzählt mir von ihrem Alltagsleben, wir diskutieren viel über alles mögliche. Es lenkt mich ab und gleichzeitig interessiert mich ihr Leben sehr. Sie macht das aus Bedürfnis, nicht aus Verpflichtung heraus. Und das ist eine wunderbare Sache. Einen sehr großen Anteil meiner Angst und Unsicherheit halte ich aus meinen Berichten hier heraus. Ich möchte niemanden beunruhigen. Und wenn hier manchmal jemand schreibt, wie bewundernswert ich mit meiner Diagnose umgehe, dann freut mich das, aber es stimmt nicht. Es ist für mich eine Frage der inneren Haltung, um die ich nicht nur täglich, sondern stündlich ringen muß.

    Jetzt ringe ich ‚mal weiter.
    Ihre Unterlegstege vergesse ich natürlich nicht und sammel fleißig weiter. Im Moment lohnt sich ein Versand einfach noch nicht. Danke für das Genitiv-s mit Apostroph. Hätte ich auch wirklich selbst drauf kommen können.

    Mit vorzüglichem, preußischen Gruß

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