Preußisches Bleisatz-Magazin
Vom Kommenden

Katatonie & Vollendetes Futur 2.051 views 2

Jeder Mensch entwickelt seine eigene Methode, um mit unvermeidlich auf ihn zukommenden Situationen fertig zu werden, die ihn ängstigen. Ich auch. Es soll Menschen geben, die keine solche Situation ängstigt. Mir erscheint das unglaubwürdig. Aber wenn es so sein sollte, dann haben diese Menschen vielleicht einfach zu wenig Phantasie; oder ich zuviel. Ich weiß es nicht. Da ich ein komplizierter Mensch bin, habe ich eine zunächst kompliziert erscheinende Methode entwickelt. Sie besteht aus einer Kombination von gewollter Katatonie und dem Vollendeten Futur, auch Futur II genannt.

Je näher der Termin rückt, desto mehr ziehe ich mich in mich selbst zurück; auf meine pure Existenz. Habe ich Hunger? Friere ich? Nein? Dann ist ja alles gut. So nähere ich mich dem Punkt meiner eigenen Singularität. Bis ich im Vorbereitungsraum für die Operation liege, in der grün gekleidete, vermummte Gestalten geschäftig herumhuschen. Hier bin ich nun nicht mehr Georg, hier bin ich defekter Körper. Das OP-Team will mich reparieren, eine persönliche Beziehung ist nicht gewollt. Ich strecke dem Anästhesisten meine Hand hin. Er führt eine Nadel in meine Vene und ich bekomme einen Schuß, bin weg. Diese letzte Teilstrecke vom Abholen von der Station bis zum Kick des Schusses ist mir unerträglich. Ich fiebere vor Nervosität, meine Angst treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Die vorabendliche Beruhigungstablette funktioniert bei mir nicht; reiner Placebo-Effekt, wenn überhaupt. Aber natürlich pfeife ich sie mir ‚rein. Vielleicht knallt sie ja doch ein bißchen. In den letzten 24 Stunden vor der OP spreche ich nicht mehr. Antworte auf Fragen einsilbig, halte nur ein winziges Fensterchen zur Realität offen. Bin ganz tief in mir selbst, meine Augen sind fest auf die Wand meiner Seele fixiert. Ich höre meinen Herzschlag; langsam, ruhig. Und ich atme; tief ein — tief aus. Ich will keine äußeren Einflüsse mehr an mich heranlassen. Dies hieße, mich zu öffnen; auch für die Angst. So ist es besser. Wie ein Mantra bete ich mir vor: «Alles ist gut. Alles ist gut. Du hast keinen Hunger, Du frierst nicht, Du liegst hier ganz bequem. Kein Grund, Angst zu haben. Laß sie mit Dir machen, was immer sie wollen. Es berührt Dich nicht. Es ist nur ein Körper, es ist nicht Du, der dort liegt.»

Vor vielen, vielen Jahren, in meiner Jugend, als ich in Bezug auf gewisse chemische Stoffe noch daran glaubte, daß sie zur Bewußtseinserweiterung führen, statt, wie es nun einmal ist, zu einer Bewußtseinsveränderung, flog ich unter Einfluß dieser chemischen Stoffe durch unser Universum. Das war wunderschön. Ich glitt mit unglaublicher Geschwindigkeit, die jedoch durch die immensen Entfernungen von mir als Gleiten empfunden wurde, nicht als rasen, durch die Galaxien, sah das Werden und das Sterben der Sterne und verstand die Bedeutung der Gesamtheit dieses Seins. Heute würde ich sagen: Ich war Gott nahe. Damals habe ich Gott als eben diese Gesamtheit empfunden. Nun möchte ich wirklich meinen Artikel hier nicht ins Trivial-Pathetische abdriften lassen, aber sei‘ drum: Ich näherte mich einem Torflügel jener Art, die in sehr hohen Räumen von Schlössern zu finden sind. Er schwebte im Nichts. (Ja, ganz richtig: So 2001 — Odysee-im-Weltraum-mäßig) Die Flügel selbst waren mit geschnitzten Ornamenten versehen, in der Mitte der Tür hing ein Türklopfer in Form eines Löwenkopfes mit einem schweren, bronzenen Ring. Die linke Seite, an der sich ein Türdrücker befand, war einen Spalt weit nach innen geöffnet. Je näher ich kam, desto besser konnte ich die Einzelheiten dieser sehr alten Tür erkennen. Durch den geöffneten Türspalt glomm ein helles Licht nach außen, überstrahlte alles andere, so daß ich nicht erkennen konnte, was hinter der Tür lag. Ich schwebte in gleichmäßiger Geschwindigkeit auf diesen Türspalt zu und wußte plötzlich, daß sich hinter der Tür die Verheißung erfüllt. Was bedeutet «Es erfüllt sich die Verheißung.»? Ich weiß es nicht. Einerseits zog der Türspalt mich fast magnetisch an, andererseits wußte ich, daß es, die Tür einmal durchschritten, kein zurück mehr geben würde. Ein zurück wäre auch nicht notwendig gewesen, weil ich im Verheißenen gewesen wäre. Dieser unumkehrbare Schritt machte mir Furcht. Ich mußte eine Entscheidung treffen. Jetzt. Und flog am Türspalt vorbei. Erwachte aus dem Rausch und war für einige Tage sehr in mich gekehrt und still. Ich habe diese Reise nie vergessen. Viele Jahre später — ich habe nur sehr selten mit jemandem über dieses Ereignis gesprochen, meinte ein Freund, ich hätte eine sogenannte Nahtod-Erfahrung durchlebt. Ich weiß es nicht. Habe nur immer einmal wieder gedacht: Wenn Sterben wirklich so sein sollte, dann ist es in Ordnung. Mh… wohl doch trivial-pathetisch, oder? Herzchen, komm ‚runter. Sie bohren Dir nur eine Hohlnadel in die Leber und entnehmen eine Gewebeprobe. Diese blöde alte Tür wirst Du noch früh genug durchschreiten, vergiß die jetzt.

Was hat es nun mit dem Vollendeten Futur auf sich? Ein simpler Trick: Ich sage mir nicht: Noch 24 Stunden, dann bist Du dran. Ich sage mir stattdessen: Noch vier Tage, dann hast Du es hinter Dir und bist wieder zu Hause. Und mit jeder Stunde, die der Eingriff näher kommt, verkürzt sich der Zeitraum, bis ich wieder zu Hause bin.

Ich sag‘ ja: Ich bin ein ziemlich kompliziertes Kerlchen.

So. Und jetzt bin ich weg. Heute in 24 Stunden bin ich in der Klinik. Heute in vier Tagen bin ich wieder daheim. Dann noch eine Woche warten, bis das Untersuchungsergebnis vorliegt und dann sehen wir weiter. Gott ist groß!

Dann sag‘ ich ‚mal: bis Samstag, mh…

  1. Kommentar by MZS — 11. Mai 2010 @ 10:15

    Pathos ist manchmal angebracht, und in dieser Situation finde ich Ihre Reaktion und Ihre Gedanken eher unkompliziert und nachvollziehbar. Das Private so in die Öffentlichkeit zu stellen, wie Sie es hier tun, kann leicht peinlich werden, aber Sie können schreiben und haben klare Gedanken. Ich habe das Gefühl, Sie machen alles richtig. Man lernt viel von Ihnen. Danke! Und ich bewundere Sie dafür.

    Vier Tage, an denen wir unsern Bleisetzer vermissen, das halten wir aus. Und Ihre Kunden, Leser und Freunde sind mit Ihnen und vertrauen auf die Schutzengel-Personalentscheidung von oben. Bis bald!

    Ihr Schröder

  2. Kommentar by floppy — 11. Mai 2010 @ 18:39

    TOI, TOI, TOI Sir George und winke bis Samstag. Ich drück Dir ganz fest die Daumen, dass du alles gut überstehst.

    LG Floppy – Dich mal virtuell knuuddel

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